Erfahrungsberichte

Erfolgsstory Dresden

Erfolgsstory Dresden

Schon im Wahlkampf zur StuPa-Wahl im Dezember 2009 spielte der Naziaufmarsch in Dresden für den Kölner SDS eine große Rolle: Der Aufruf zur Blockade war eines unserer zentralen Themen und wurde durch viele Plakate, Artikel in der Critica und Broschüren den Studierenden näher gebracht. Um alle Interessierten möglichst gut sowohl auf die Blockade und die praktischen Aspekte vorzubereiten als auch die Hintergründe des größten Naziaufmarsches in ganz Europa zu benennen, organisierten wir zwei Infoveranstaltungen: In der ersten erfuhren wir einiges über Ursache und Tragweite der Neonazi-Aufmärsche im Allgemeinen und über die besondere Situation in Dresden im historischen Kontext. Die Broschüre „Block Fascism!“ erwies sich als sehr hilfreich und interessant.
Für die zweite Veranstaltung, das Blockadetraining, hatten wir jemanden von der Roten Hilfe und einen Trainer von skills for action eingeladen, um uns praktische Hinweise zum richtigen Verhalten bei Demonstrationen und Blockaden zu geben. Hier lernten wir einerseits, Steh- und Sitzblockaden gegen die Polizei aufrechtzuerhalten und andererseits, wie man sich bei Kontakt mit Polizei und Nazis am besten verhält. Die nützlichen Tipps von der Roten Hilfe erleichterten uns die Vorbereitungen enorm.
Nach anfänglich eher schleppendem Busticketverkauf war unser Bus letztlich doch fast voll. Allein aus Köln fuhren 5 Busse nach Dresden, aus Angst vor Übergriffen auf Raststätten im Konvoi. Schon auf der Hinfahrt bildeten wir Bezugsgruppen zwischen 5 und 10 Personen, die während der ganzen Aktion auch immer zusammen blieben. Wir tauschten Handynummern aus und schrieben uns die Daten der anderen auf, um im Notfall den Ermittlungsausschuss benachrichtigen zu können. Auf Raststätten achteten wir besonders aufeinander und ließen niemanden alleine.
Zu unserer Freude wurde keiner der Kölner Busse vor der Ankunft in Dresden von der Polizei kontrolliert. Jedoch waren die PolizistInnen anscheinend überfordert, als wir alle aus den Bussen ausstiegen und zu unserem NRW-Blockadepunkt gehen wollten. Einige der PolizistInnen reagierten extrem aggressiv und schrieen uns an, wir sollten gefälligst tun, was man uns sage. Sie konnten uns und die Situation offensichtlich nicht einschätzen und wollten uns erst einmal einschüchtern. Sofort waren wir von PolizistInnen umringt. Sie drängten uns in eine Richtung, die uns zuerst nicht gefiel, sich letztlich aber als genau richtig herausstellte: Ca. 500 Demonstrierende aus NRW stellten sich unter eine Bahnunterführung und blockierten somit einen der Zugänge in die Stadt. Zwei weitere Unterführungen, die sich in unmittelbarer Nähe befanden, wurden von jeweils ca. 2000 Menschen blockiert, sodass auch hier kein Durchkommen mehr war. In der ganzen Stadt gab es zudem kleinere Blockaden und eine zentrale Kundgebung. Wir waren fest entschlossen, uns den Nazis entgegen zu stellen und sie unter keinen Umständen marschieren zu lassen.
Da wir uns (trotz unserer Unnachgiebigkeit) äußerst friedlich verhielten und die Polizei nicht provozierten, gab es für sie keine Rechtfertigung einzugreifen. Gegen Mittag hatten sich auch einige Dresdener bei uns eingefunden, unter anderem auch Familien mit kleinen Kindern und behinderte Menschen. Die Stimmung war sehr locker und friedlich, ein Lautsprecherwagen spielte Musik. Viele Menschen tanzten, um sich aufzuwärmen. Über das Infotelefon, das uns den ganzen Tag über die Vorgänge bei den anderen Blockaden informierte und strategische Hinweise gab, erfuhren wir, dass eine andere Blockade geräumt werden sollte. Da sich jedoch drei Abgeordnete der Linken in die erste Reihe setzten, sah sich die Polizei gezwungen, die Räumung abzubrechen und die Demonstrierenden in Ruhe zu lassen. Abgesehen von den aggressiven PolizitInnen am Anfang machte zumindest „unsere Unterführung“ keine weiteren schlechten Erfahrungen mit der Staatsgewalt an diesem Tag. Sie schienen den Naziaufmarsch nicht mit Gewalt gegen die friedlich Blockierenden durchsetzen zu wollen oder zu können. Nach einiger Zeit gaben sie eine große Kreuzung für uns frei, die sich direkt vor der Unterführung befand. Wir gingen jedoch zunächst nicht darauf ein, da wir die Unterführung an sich für strategisch wichtiger hielten: Zum einen sperrten wir dadurch den Anfahrtsweg der Nazis in die Stadt, zum anderen blockierten wir genau ihre Marschroute. Nachmittags erhielten wir Unterstützung durch die Norddeutschen, die mit einiger Verspätung ankamen. Da wir nun ca. 300 Menschen mehr waren, blockierten wir jetzt auch die von der Polizei freigegebene Kreuzung. Bei den Anwohnern erregten wir durch unsere Lautstärke und Buntheit viel Aufmerksamkeit.
Mittlerweile hatten sich ca. 4000 Nazis eingefunden, die von der Polizei am Bahnhof festgehalten wurden. Da ihr aggressives Verhalten und ein Angriff auf eine alternative Kneipe (bei dem es einen Schwerverletzten gab) im krassen Gegensatz zu unserem friedlichen und gewaltfreien Auftreten stand, verbot die Polizei schließlich den Naziaufmarsch! Anscheinend zogen noch einige wütende Nazi-Schläger durch die Stadt; das Infotelefon verteilte die Blockierenden an strategisch wichtige Stellen, um sich ihnen entgegen zu stellen. Die Polizei verhinderte aber bis ca. 18 Uhr ein Aufeinandertreffen.
Wir hatten unser Ziel erreicht und warteten nun (halberfroren) auf die Abfahrt. Jemand spendete heiße Suppe und Tee für alle, die dankbar angenommen wurden.

Nach diesem überaus erfolgreichen Tag fuhren wir wieder zurück. Das System der Bezugsgruppen funktionierte wunderbar, wir hatten niemanden verloren. Unterwegs wollten wir an einem Rastplatz anhalten. Da es genau der Rastplatz war, an dem es im letzten Jahr einen Übergriff der Nazis auf einen DGB-Bus gegeben hatte, war die Polizei schon vor Ort. Sie riet uns, sofort weiter zu fahren und nicht an zu halten, da schon fünft Nazi-Busse hier Pause machten. Wir fuhren den nächsten Rastplatz an. Auch der gute Tipp, im Konvoi mit vielen Bussen zu fahren, erwies sich also als überaus hilfreich, da wir so vor einem möglichen Angriff besser geschützt waren.

Gegen 2 Uhr morgens erreichten wir Köln. Alle waren zwar müde, aber auch überaus glücklich und erleichtert über unseren gemeinsamen Erfolg. Wir nehmen nicht nur das gute Gefühl, die Nazis zumindest diesmal aufgehalten zu haben, mit, sondern auch jede Menge praktische Erfahrung, die sich auf den kommenden Demonstrationen und Blockaden einsetzen lässt…

Als kleine Anekdote: Die norddeutschen AntifaschistInnen, die erst später zu unserer Blockade kamen, wurden aufgrund ihrer schwarzen Kleidung und Entschlossenheit zunächst für Nazis gehalten. Kurz nachdem die Warnung vor 300 heranziehenden „Nazis“ über das Megaphon verkündet wurde, konnten wir aber schon wieder erleichtert Entwarnung geben und uns über die Unterstützung freuen.

Dresden-Bericht von Die Linke.SDS Münster

Nun ist die Verhinderung des Naziaufmarsches in Dresden am 13.2. drei Tage her. Die Anstrengungen sind schon längst vergessen, Kälte und Müdigkeit überwunden, nicht vergessen aber ist, dass wir es geschafft haben.

Dresden war am Samstag eine Stadt voller Antifaschistinnen und Antifaschisten. 12.000 NazigegnerInnen machten deutlich, dass der „braune Mob“ keine Chance hat. So konnten die ca. 5000 aus ganz Europa angereisten Nazis sich stundenlang vor dem Bahnhof die Beine in den Bauch stehen und dann wieder nach Hause fahren: „Gute Heimreise“.

Die Blockaden und nicht etwa die bürgerliche Menschenkette um die Altstadt haben den Aufmarsch verhindert.

Das Gericht hatte zuvor den Nazis erlaubt, im Dresdener Viertel Neustadt zu marschieren. Eine Schande – zumal es sich um ein linkes Szeneviertel handelt und vom Neustädter Bahnhof in der NS-Zeit viele Deportationen ausgingen.

Die von einem breiten Aktionsbündnis „Dresden nazifrei“ organisierten Blockaden sorgten dafür, dass die Polizei die Nazis aus Sicherheitsgründen nicht marschieren lassen konnte.

An den offiziellen sechs Blockadepunkten war die Stimmung recht unterschiedlich. Am Albertplatz zeigten eher bürgerliche Gruppen und Parteien, unterstützt durch Prominente (Konstantin Wecker, Katja Kipping, Franziska Drohsel,…) Präsenz. Hier hielt sich die Polizei sehr im Hintergrund. An anderen Blockadepunkten sah dies wohl anders aus. Es waren aber unglaublich viele Menschen, die trotz eisiger Kälte, nassen Füßen und großer Müdigkeit durchhielten. So war die Polizei machtlos.

Generell schien das Handeln der Polizei trotz des riesigen Aufgebots unkoordiniert und chaotisch. Sie verhinderte den Zugang zu den verschiedenen Blockadepunkten, was zu großer Unruhe in den Straßen führte und die Stimmung in Dresden-Neustadt unnötig aufheizte. Dass sie die Autobahnabfahrten sperrten und so auch wir die Tortur einer Überlandfahrt auf uns nehmen mussten, bleibt unverständlich.

Nach dem Ende der Veranstaltung waren die Nazis sehr frustriert und zeigten wieder einmal ihr gewalttätiges Gesicht, als sie, wie auch schon in der Nacht zuvor, randalierten und Attentate verübten.
Mit Sicherheit kann Dresden als ein Erfolg für Antifaschistinnen und Antifaschisten gesehen werden, aber der Kampf muss weiter gehen. Naziaufmärsche sind nur die Spitze des Eisberges. Rassismus und Antisemitismus befinden sich an zu vielen Orten unserer Gesellschaft, ob bei Stammtischgesprächen, in der Presse oder auch in der Gesetzgebung.